Die Bedeutung der Immaculata als Mittlerin aller Gnaden von Pastor Frank Unterhalt

Der Text wird hier, anlässlich des Marienmonats Mai, mit der freundlichen Genehmigung des Autor wiederveröffentlicht.

Über die wahre Bedeutung der Gottesmutter angesichts ihrer Vereinnahmung in „Maria 2.0“.

Die Immaculata ist „das vollkommenste und erhabenste Werk Gottes. Der heilige Bonaventura sagt: ‚Gott kann noch eine größere und vollkommenere Welt erschaffen, aber er kann keinem Geschöpf eine höhere Würde verleihen als Maria.‘ […] In der Unbefleckten erreicht die Schöpfung den Gipfel ihrer Vollkommenheit. Die Mutter Gottes ist das gottähnlichste aller Geschöpfe“ (hl. Maximilian Maria Kolbe, Jedem ist der Weg gewiesen, S. 55).


Madonna von Fatima Foto: Manuel González Olaechea y Franco Lizenz: CC BY-SA 3.0

Die allerseligste Jungfrau steht in einer einzigartigen Beziehung zum dreifaltigen Gott. Sie ist das strahlende Meisterwerk des Vaters, die auserwählte Mutter des Sohnes und die erhabene Braut des Heiligen Geistes. Der heilige Anselm führt zur Begründung ihrer überragenden Schönheit an, „dass die Jungfrau, der Gott seinen einzigen Sohn zu geben beschloss, in solcher Reinheit erglänzte, wie eine größere nach Gott sich nicht denken lässt“ (De Conc. V. c. 18). Da sie von Ewigkeit her berufen ist, die Mutter des Erlösers zu sein, hat der Schöpfer sie mit der Fülle der Gnaden beschenkt. „Und da es der unendlichen Reinheit Gottes allein entsprach, eine von jeder Schuld bewahrte Mutter zu besitzen, so erschuf Er sich auch eine solche“ (hl. Alfons Maria von Liguori, Die Herrlichkeiten Mariens, Zweiter Teil, 1. Kap.).

Die Auserwählung Mariens und ihre herausragende Stellung im Heilsplan Gottes leuchten bereits im Protoevangelium auf, in welchem sie als die große Frau erscheint, die dem Satan den Kopf zertreten wird (vgl. Gen 3,15). Sie ist die „für die Widersacher heillose Wunde“ (Ὕμνος Ἀκάθιστος). In der Erlösungsordnung ist sie die Morgenröte, aus der Christus, die Sonne der Gerechtigkeit, hervorgeht.

Besonders deutlich wird dies im Dogma von der Unbefleckten Empfängnis, der Lehre also, „dass die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch ein einzigartiges Gnadenprivileg des allmächtigen Gottes, im Hinblick auf die Verdienste Jesu Christi, des Erretters des Menschengeschlechtes, von jedem Schaden der Erbsünde unversehrt bewahrt wurde“ (sel. Papst Pius IX., Ineffabilis Deus).

Die immerwährende Jungfrau ist tota pulchra, hat die Sünde nie gekannt und spiegelt in absoluter Weise den Liebesplan Gottes mit dem Menschen. „Zu diesem Paradies hat die Schlange keinen Zutritt gehabt“ (hl. Johannes von Damaskus, In Dorm. Deip. or. 2).

Als Immaculata und Gottesgebärerin bringt sie der Welt den Immanuel, den einzigen Erlöser und wahren Retter. Niemand könnte jemals ohne sie das Heil erlangen.

So sagt der hl. Irenäus, dass sie „in ihrem Gehorsam für sich und das ganze Menschengeschlecht Ursache des Heils geworden ist“ (Adv. Haer. III, 22,4).

Die Jungfrau Maria wurde ja nicht passiv von Gott benutzt – ihr Fiat ist aus der Freiheit ihrer Person gekommen (vgl. II. Vaticanum, Lumen Gentium, 56). Der heilige Bernhard von Clairvaux erklärt: „Der Preis unseres Heiles ist dir angeboten, sogleich werden wir gerettet sein, so du einwilligst. Der Herr selbst, wie sehr Er deine Schönheit begehrt, so sehr verlangt Er deine zustimmende Antwort, in welche Er das Heil der Welt gelegt hat“ (De Laud. V. M., hom. 4). Ihr überaus demütiges Fiat zur Botschaft des Engels bringt die alles entscheidende Wende in der Geschichte: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort“.

Sie hat der Welt, die in der Finsternis der Sünde und des Todes lag, als neue Eva das Licht des unvergänglichen Lebens gebracht. Die Immaculata hat vom Heiligen Geist empfangen und uns den Heiland geboren, der aus ihr seine menschliche Natur angenommen hat. „So ist der eine und gleiche Jesus wesenhaft der gemeinsame Sohn Gottes und Marias […] Der die Macht hat, alles aus dem Nichts zu schaffen, wollte die verwundete Schöpfung nicht ohne Maria wiederherstellen […] Denn Gott zeugte den Sohn, durch den alles geschaffen ist, Maria gebar ihn, durch den alles gerettet wurde“ (hl. Anselm von Canterbury, Oratio 52, PL 158, 955f.).

Diese Stellung als Mittlerin zum Mittler geht deutlich aus der Heiligen Schrift hervor. Während die demütige Magd des Herrn die Quelle aller Gnaden in ihrem Schoß trug, führte sie ihre Verwandte Elisabeth zur Begegnung mit ihrem göttlichen Sohn (vgl. Lk 1,40–41) – sie bringt den Menschen Christus. Dieser wirkt bei der Hochzeit zu Kana sein erstes Zeichen auf die Fürsprache und die Vermittlung seiner Mutter hin (vgl. Joh 2,1–11). Mit der Anrede „Frau“ zeigt Jesus die Parallele zum Protoevangelium (vgl. Gen 3,15) und bekräftigt die herausgehobene Stellung Mariens im Heilsgeschehen. Sie ist zutiefst mit der Sendung des Sohnes verbunden, wie es bereits bei der Darstellung im Tempel verheißen wurde (vgl. Lk 2,34–35).

Im Paschamysterium Christi bekommt dies eine universelle Tragweite. Die Worte des am Kreuz sterbenden Heilandes an Maria und den Lieblingsjünger Johannes haben eine immense Bedeutung: „Frau, siehe dein Sohn – siehe deine Mutter!“ (vgl. Joh 19,26–27). Hier wird die Immaculata auf dem Höhepunkt des Erlösungswerkes eingesetzt als Mittlerin der Gnaden: „Sie, die einst nur als Maria bekannt war, ist nun vom Heiland öffentlich als die Frau, die Mutter und die Mittlerin der Gnaden der Erlösung begründet“ (Dr. M. Miravalle, Maria Miterlöserin. Mittlerin. Fürsprecherin, S. 35).

Dieses Geheimnis zeigt sich besonders am Pfingsttag (vgl. Apg 1,14), denn an ihm sehen wir die Apostel und Jünger des Herrn mit der Mutter im Gebet und „Maria mit ihren Gebeten die Gabe des Geistes erflehen, der sie schon bei der Verkündigung überschattet hatte“ (Lumen Gentium, 59). Die allerseligste Jungfrau ist die wahre Mutter der Kirche und vermittelt zwischen ihrem Sohn und den Menschen. „Deshalb ist sie uns in der Ordnung der Gnade Mutter. Diese Mutterschaft Marias in der Gnadenökonomie dauert unaufhörlich fort“ (ebd., 61–62). Ihre leibliche Aufnahme in den Himmel und ihre Krönung als Königin manifestieren diese einzigartige heilsgeschichtliche Stellung in ihrer universalen Dimension: „Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt“ (Offb 12,1).

Hieraus ergibt sich die enorme Bedeutung der Immaculata bei der Rettung des Menschen, wie es für unsere Zeit in der Botschaft von Fatima besonders aufscheint: „Gott möchte auf Erden die Verehrung meines Unbefleckten Herzens begründen. Wer sie annimmt, dem verspreche ich das Heil!“ Die Heiligen sind sich dessen immer bewusst gewesen und haben diese Verehrung heroisch geübt. „Niemand kommt in den Himmel als nur durch Maria“, sagte der hl. Clemens Maria Hofbauer (Prof. Dr. F. Holböck, Geführt von Maria, S. 443). Die gelebte Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens ist der Schlüssel zum Paradies, dessen Pforte sie ist (vgl. Lauretanische Litanei).

„Denn der Allerhöchste, der die Demütigen erhöht, hat bestimmt, dass der Himmel, die Erde und die Unterwelt, ob sie wollen oder nicht, sich unter das Zepter der demütigen Jungfrau beugen sollen, und so hat er Maria zur Gebieterin über Himmel und Erde gemacht, und sie zur Führerin seiner Heerscharen, zur Schatzmeisterin seiner Reichtümer, zur Ausspenderin seiner Gnaden, zum Werkzeug seiner großen Wunder, zur Erlöserin des Menschengeschlechtes, zur Mittlerin der Auserwählten, zur Vernichterin der Feinde Gottes und zur treuen Genossin seiner Herrlichkeit und seiner Triumphe erhoben“ (hl. Ludwig Maria Grignion von Montfort, Das Goldene Buch, Erster Teil, 1. Kap.).

Der allmächtige und barmherzige Gott hätte die Immaculata also nicht höher erheben können, als er es getan hat. Er hat sie ausgestattet mit der Fülle der Gnaden, damit diese auf mütterlichem Wege durch sie zu uns gelangen. Der hl. Alfons Maria von Liguori führt aus, dass es „der Wille Gottes ist, dass alle Gnaden, die um der Verdienste Jesu Christi willen seitdem und bis zum Ende der Welt an die Menschen gelangen, durch die Hand und die Vermittlung Mariens ihnen verliehen werden“ (Die Herrlichkeiten Mariens, Erster Teil, Kap. 5).

Die Immaculata ist uns also als Königin nicht entrückt, sondern vielmehr als Mutter überaus nahe. Die Heiligen bezeugen die unsagbare mütterliche Güte der heiligsten Jungfrau und ihre „fürbittende Allmacht“ bei Gott. „Das Herz Mariens ist so liebevoll und zärtlich zu uns, dass die Herzen aller Mütter zusammen, verglichen mit ihrem, ein Nichts sind […] Alles, worum der Sohn den Vater bittet, wird ihm gewährt. Alles, worum die Mutter ihren Sohn bittet, wird ihr gleichermaßen gewährt“ (J. Frossard, Ausgewählte Gedanken des heiligen Pfarrers von Ars, S. 77). Sie verdient unsere große Liebe und unser festes Vertrauen. Beides mündet in die Weihe an ihr Unbeflecktes Herz, denn die Christenheit wusste immer, dass ein Kind Mariens niemals verlorengeht: „Das Herz dieser guten Mutter besteht nur aus Liebe und Barmherzigkeit. Ihr einziger Wunsch ist es, uns glücklich zu sehen. Man braucht sich nur an sie zu wenden, um erhört zu werden“ (ebd., S. 48).

Schließen möchte ich vor dem Hintergrund dieser Darlegungen mit einer Ansage 2.0: Der Herr wird allen mit Feuer vergelten, die seine geliebte Mutter Maria beleidigen!

Dieser Beitrag erschien zuerst am 30.5.2019 auf kath.net.

Luther zu Maria

Interessant zu lesen ist in diesem Zusammenhang eine Meditation von Martin Luther aus dem Jahre 1525 zum Magnificat, wo es heisst: «Was sind alle Mägde, Knechte, Herren, Frauen, Fürsten, Könige, Monarchen auf Erden gegen die Jungfrauen Maria, welche aus königlichem Stamme geboren und dazu Gottes Mutter ist, die höchste Frau auf Erden? Sie ist das edelste Kleinod nach Christo in der ganzen Christenheit, die niemals genug zu preisen ist, die höchste Kaiserin und Königin, hochgelobt über allem Adel, Weisheit und Heiligkeit». Oder an anderer Stelle: «In diesem einen Wort hat man alle ihre Ehre begriffen, so man sie nämlich Mutter Gottes nennt». Verbürgt ist auch eine späte Aussage Luthers: Er sei nie auf eine Kanzel gestiegen ohne ein Ave-Maria zu beten.

Die Seligpreisungen Mariens wurden dann aber in den protestantischen Kirchen nicht mehr praktiziert. Die Befürchtung, die Ehre Jesu zu schmälern ist ein schwaches Argument. Wie kann die Ehre Jesu geschmälert werden, da Jesu selbst Maria erwählt und begnadet hat und sie zu seinem Gefäss gemacht hat. Es ist doch sicher so, dass Jesus sich freut, wenn wir seine Mutter ehren. Evangelische Christen sollten den Unterschied zwischen Fürbitte und Anbeten erkennen. Die Verehrung Marias und der Transubstantiationsglauben der kath. Kirche ist das grösste Hindernis auf dem Weg der Ökumene. Nur eine Rückbesinnung auf Maria, wie sie auch Luther formuliert hat, macht eine Wiedervereinigung mit der kath. Kirche möglich.
Alois Juchli