Was ist das Glück?

Dies ist die Mitschrift meiner mündlich frei vorgetragenen EWTN-Vortragsreihe Philosophie für Jedermann

Was ist das Glück?

Einführung

Willkommen zu diesem Vortrag. Heute ist das Thema unseres philosophischen Gesprächs ein Thema, das Sie sicher alle sehr anziehend finden werden. Und wenn Sie mit dem Vortrag nicht zufrieden sind, liegt das an mir und nicht an dem Thema. Das Thema ist nämlich „Was ist das Glück und was sind die Wege zum Glück?“ Dieses Thema liegt jedem Menschen nahe, denn kein Mensch, wenn man ihn fragt, ob er sich nach Glück sehnt, wird mit „Nein“ antworten. Überdies wird kein Mensch sagen, er wolle unglücklich sein. Und selbst wenn jemand diese Fragen anders beantwortet, als wir das getan haben, so wird er das höchstens in einer vorläufigen Weise tun. Oder in einer Weise, die versteckt und verdeckt, dass hinter all seinen Antworten, dass er unglücklich sein wolle, dass er das Unglück sucht, eine Verzweiflung liegt, hinter der sich dann wieder doch die Sehnsucht nach Glück verbirgt.

Worin besteht das Glück?

Doch endet die Übereinstimmung der Philosophen und der Menschen überhaupt hinsichtlich des Glücks mehr oder minder an diesem Punkt. Denn wenn man fragt, worin das Glück besteht, besteht große Uneinigkeit. Aristipp und eine Reihe anderer Philosophen haben gesagt das Glück, das ist einfach die Lust. Aristoteles sagt nein, es ist die Selbstverwirklichung, die höchste Aktualisierung der höchsten Fähigkeiten des Menschen, des Intellekts und der Erkenntnis. An anderen Stellen, sagt er, es ist die höchste Realisierung aller Fähigkeiten des Menschen, eine Selbstverwirklichung in höchstem Maß. Andere Denker widersprechen dem und meinen: Das Glück ist nicht, wie es Aristoteles meint, das letzte Ziel, dem alles andere als Mittel dient, sondern das Glück lässt sich überhaupt nicht direkt anstreben. Es ist ein Geschenk, das ich erst einstellt, nachdem man sich in Liebe oder Güte anderen Menschen zuwendet. Wieder andere haben andere Auffassungen von dem Glück, und so ist das Glück ein höchst umstrittener Gegenstand.

Was sind die Wege zum Glück?

Dieser Streit bezieht sich natürlich auch auf die Frage: Was sind die Wege zum Glück? Was soll der Mensch tun oder was muss der Mensch tun, um glücklich zu werden? Auch hier teilen sich die Meinungen der Menschen und insbesondere auch der Philosophen.

„Was sind die Wege zum Glück? Ist es einfach, dass wir eine Ausbildung machen und nachher irgendwo in einem Büro sitzen und die ganze Zeit arbeiten, bis wir in Rente kommen. Oder ist es einfach, dass wir Spaß haben, dass wir uns vergnügen, mit Freunde ausgehen? Wie sind die Wege zum Glück? Die Frage, ob das Glück einfach das ist, was jemand gerne hat, einfach das ist, was ihm Spaß macht. Diese Frage betrifft eine sehr tiefe und schwierige Frage. Es geht um die schwierige Frage, worin das Glück eigentlich besteht. Und wie schon erwähnt, hat Aristipp gesagt, dass das Glück in der Lust besteht. Eine ähnliche Theorie vertritt auch Sigmund Freud. Er hat die Grundströmungen des Menschen, zumindest in seiner ersten Phase seiner Psychoanalyse, darin gesehen, dass er sein Glück in der Erfüllung seiner Libido sucht. Also finden wir viele, für die das Glück einfach nur die Lust ist.

Besteht das Glück in der Lust?

Aber wenn wir ernsthaft diese Antwort überdenken, dass das Glück einfach die Lust ist, das Gute einfach die Lust ist, so sehen wir gleich, dass wir dem wohl kaum zustimmen können. Schon Sokrates bezieht sich in Georgias auf den Fall, in dem jemand Knaben schändet. Also jemand eine hässliche gemeine Form der Lust und einen gemeinen Weg, diese Lust zu beschaffen anstrebt. Sokrates meint dazu, dass das doch sicher nicht das Gute und auch nicht das Glück ist. Und sogar die abgebrühten Gesprächspartners, die Sophisten, die mit ihm sprechen, weigern sich zu sagen, dass darin das Glück besteht. Oder Sokrates gibt ein neutrales Beispiel: Wenn jemand sich wegen eines Juckreizes am Kopf kratzt, fühlt er Lust. Das ist aber wohl weder das Gute noch das Glück. Selbst die intensivste, lang andauerndste Lust, die nach Aristipp, das Glück darstellt, führt nicht unbedingt zum Glück. Sie kann zu einer Leere führen. Richard Wagner stellt uns in der Oper „ Der Tannhäuser“ den Tannhäuser gegenüber, der im Venusberg jede erdenkliche Lust verkostet, der aber von Langeweile verzehrt wird. Er sehnt sich herausziehen aus dem Venusberge in die freie Natur. Ein reines, von Lust, von nichts als Lust beherrschtes Leben können wir sicher nicht als glücklich bezeichnen.

Besteht das Glück in der Berührung mit etwas In-sich-selbst-Bedeutsamen?

Das Glück scheint nämlich eine ganz andere Art von Freude zu sein als einfach nur Lust und Befriedigung, leibliche Art oder sogar seelische Art. Das Glück scheint immer vorauszusetzen, dass wir etwas berühren; mit etwas in Verbindung treten, dessen Wert nicht einfach nur ein Mittel ist, um uns Befriedigung zu verschaffen; Etwas, das in sich selber seinen inneren Wert besitzt, etwas Wahres, etwas Schönes, etwas Gutes, etwas Edles, eine andere Person in ihrer Würde in ihrer Kostbarkeit. Erst wenn wir solchen Güter begegnen, deren Bedeutsamkeit deren Wert nicht nur davon abhängt, welche Lust oder welches Glück oder welche Befriedigung sie uns geben, erst dann können wir wirklich glücklich sein.

Wenn wir das bedenken, dann könnte es scheinen, dass Glück einfach eine Freude über etwas meint oder ein Gefühl meint, das entsteht, wenn wir mit etwas in Berührung treten, was schön oder kostbar ist. Zum Beispiel, wenn wir in eine Theateraufführung gehen. Ich kann mich erinnern, als drei oder vierjährige Bub wurde mir erlaubt, dass ich in einem ganz neuen Anzug in Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“ ins Landestheater in Salzburg gehen durfte. Und wenn man mich damals gefragt hätte, ob ich glücklich bin, hätte ich vermutlich gesagt, dass ich voll und ganz glücklich bin. Aber dennoch ist auch die Berührung mit etwas Schönem, mit etwas Wertvollem, wie in diesem Erlebnis sicher noch nicht im eigentlichen Sinn Glück zu nennen.

Wir können das daran erkennen, dass wenn ein Mensch tief im Innern in Unruhe gerät, da ihn zum Beispiel sein Gewissen quält, durch ein solches Erlebnis von etwas In-sich-Schönem und Kostbarem (z.B. durch das Betrachten eines großes Kunstwerk und die Begegnung mit einem lieben Menschen). nicht glücklich gemacht werden kann. Vielleicht ist eine der erschütterndsten Formulierungen der Verzweiflung, die einem Menschen, selbst wenn er den Menschen, den er am meisten liebt sieht, überfallen kann, von Shakespeare im „Othello“ zum Ausdruck gebracht. Dort beschreibt Shakespeare im „Othello“ den Gedanken des Othellos, dass er, nachdem er seine Gemahlin oder seine Braut, die Desdemona, ermordet hat, sie im Himmel, in voller Schönheit wiedersieht. Dann aber sagt er:

„Wohin sollt Othello gehn? - Ach, wie siehst du nun aus, o Kind des Jammers, bleich, wie dein Tuch! Wenn wir am Thron erscheinen, wird dies dein Bild mich fort vom Himmel schleudern, wo Furien mich ergreifen. Kalt, mein Mädchen? Wie deine Keuschheit! O ich verfluchter Sklav! Peitscht mich, ihr Teufel, weg von dem Anblick dieser Himmelsschönheit! Stürmt mich in Wirbeln! Röstet mich in Schwefel, wascht mich in tiefen Schlünden flüssiger Glut!“[1]

Hier sehen wir, wie Othello, der eigentlich Desdemona liebt und sie aus einem Irrtum und Eifersucht ermordet hat, beim Gedanken, sie wieder zu sehen, sie, die er für unendlich kostbar hält und erkennt, von Verzweiflung gepackt wird. Also wenn auf einer tieferen Ebene des menschlichen Lebens, zum Beispiel im Gewissen kein Friede herrscht, dann führt auch die Begegnung mit einem geliebten Menschen nicht zum Glück. Dostojewski beschreibt uns in den „Brüdern Karamasow“ eine ähnliche Situation, in der der unheimliche Gast, ein Mann, von dessen Herkunft man nicht viel weiß, den jungen Zosima vor seinem Duell und vor seiner Bekehrung immer wieder aufsucht und ihm eben als unheimlich erscheint.Dann stellt sich heraus, dass dieser Mann eine glückliche Ehe hatte, eine glückliche Familie hatte, aber doch ganz verzweifelt ist, weil er als seine erste Frau, die ihm untreu war, ermordet hat und weil die Qual seines Gewissens aufgrund seines Mords, zwar zunächst seine zweite Ehe und seine Familie, sein Familienglück nicht getrübt hat, aber dann mit einer furchtbaren Gewalt hinein gebrochen ist in sein Glück und gleichsam trotz der Liebe seiner Frau und seiner Kinder das Familienleben im tiefsten Innern seiner Seele zu einer Art höllischer Qual gemacht hat.

Liebe als Quelle des Glückes

Wir sehen also, dass das Glück nicht einfach irgendein begrenztes Erleben eines bestimmten Gutes ist, auch wenn es noch so edel, noch so kostbar noch so wertvoll ist, in dessen Berührung wir die Freude empfinden, die wir als Glück bezeichnen können. Nicht einmal dieser tiefste menschliche Punkt, der durch die Liebe und das Geliebtwerden, angesprochen wird, verdient wirklich schon „Glück“ genannt zu werden. Wenn wir jemand an seinem Hochzeitstag glücklich sehen, wird er sich verbieten, dass wir sagen, er sei noch nicht glücklich, es sei ja nur eine menschliche Liebe. Das Geschenkt, das hier die Quelle des Glücks ist, ist die große menschliche Liebe. Selbst wenn diese eine wahrhafte und eine der wichtigsten Quellen des Glücks ist, ist sie immer noch der Art, dass wenn das Gewissen, wie in den beschriebenen Fällen, uns quält, wir noch nicht ganz glücklich sein können. Daher liegt das Glück noch tiefer als die Freude, sogar über die Liebe oder in der Liebe.

Glück und Freudigkeit lebt im Herzen der Person

Hier denken wir an Max Scheler, der deutsche Philosoph, ein großer Vertreter der realistischen Phänomenologie. In seiner Ethik schreibt er:

„Diese Gefühle scheinen aus dem Quellpunkt der geistigen Akte selbst - gleichsam - hervorzuströmen und alles jeweilig in diesen Akten Gegebene der Innen- und Außenwelt mit ihrem Lichte und mit ihrem Dunkel zu übergießen. Sie »durchdringen« alle besonderen Erlebnisinhalte. Ihre Eigenart tritt auch darin hervor, daß sie absolute, nicht auf außerpersonale Wertverhalte und auf deren motivierende Kraft relative Gefühle sind. Wir können nicht im selben Sinne »über etwas« verzweifelt und »über etwas« selig sein wie über etwas froh und unfroh, glücklich und unglücklich usw. […] Sehr wohl mag eine Reihe anderer Erlebnisse in motivierter Sinnverkettung uns dieser Gefühle berauben oder sie am Ende der Erlebnisreihe auftauchen lassen: Sind sie dann aber einmal da, so lösen sie sich von dieser Motivkette eigenartig los und erfüllen gleichsam vom Kern der Person her das Ganze unserer Existenz und unserer »Welt«. Wir können dann nur selig oder verzweifelt »sein« […] Es gehört aber zum Wesen dieser Gefühle, daß sie entweder gar nicht erlebt werden, oder vom Ganzen unseres Seins Besitz ergreifen. Wie in der Verzweiflung ein emotionales »Nein!« im Kerne unserer Personexistenz und unserer Welt steckt […] so in der »Seligkeit« - der tiefsten Schicht des Glücksgefühls - ein emotionales »Ja!«. Es ist der sittliche Wert des Personseins selbst, dessen Korrelate sie zu bilden scheinen.“[2]

Das ist ein etwas schwieriger Text, aber auch wieder von großer poetischer und schriftstellerischer Kraft. Ferner ist es ein Text, in dem im Wesentlichen steht, dass das Glück in seinen tieferen Sinn nicht nur eine Freude über ein bestimmtes Gut ist, sondern eine Freudigkeit, die im Kern der Person, im Innersten des Herzen einer Person lebt.

Ist Glück objektiv oder rein subjektiv?

„Jeder von uns versucht glücklich zu werden in seinem Leben, und ich halte das auch für ganz natürlich, dass man glücklich werden will, aber ist Glück mehr als nur ein kurzes Gefühl, ein kurzes persönliches Gefühl oder kann man auch etwas Objektives über den Weg des Menschen zum Glück sagen?“[3] Die Frage, ob das Glück etwas Objektives oder etwas Subjektives ist, kann man noch in verschiedener Weise verstehen. Selbst das gefühlte Glück, das wir als subjektives Glück, als Glücksgefühl bezeichnen können, von dem Scheler hier spricht, kann sehr wohl in seinem Inhalt und in seinen Quellen etwas Objektives besitzen, etwas, was von unser Willkür unabhängig ist. Es kann sein, dass nur die wahren Güter, nur die höheren Güter, zum Beispiel auch der Friede des Gewissens, in uns jenes Gefühl entstehen lässt, dass wir eigentlich als Glück bezeichnen können. Es liegt nicht in unserer Macht, zum Beispiel, voll Hass und Ressentiments zu sein, weil uns das so beliebt und dann glücklich zu sein. Also auch das Gefühl des Glücks, das subjektive Glück im Sinn des erlebten Gefühls des Glücks hat sehr wohl objektive Quellen in der Natur der eigenen Person, in der Frage was ist für mich ein Geschenk, was liegt in meinem wahren Interesse, was macht mich wirklich glücklich.

Dies sind viele Elemente, die nicht von unserer Willkür und unserer Subjektivität abhängen. Ein Mensch, der Unglück in der Liebe hat, kann sich nicht einfach glücklich machen, sondern diese Erfahrung der enttäuschten Liebe erzeugte in ihm einen Schmerz, den er nicht verhindern kann. Oder wenn er nach einer Untat, wie die Vergewaltigungen und Morde, die z.B. im Kosovo geschehen sind oder an vielen Orten der Welt zu allen Zeiten geschehen sind, von dem Gewissen gequält wird; ein Mensch, der so etwas begangen hat, kann nicht einfach glücklich werden. Sein Gefühl des Glücks oder des Unglücks hat eine objektive Quelle, die nicht in seiner Willkürlich liegt.

Glück und Tugend

Man kann aber auch unter dem objektiven Glück etwas anderes meinen. Das hat Plotin gemeint, der eine über aus verblüffende und eigentlich schockierende Aussage macht in seinem Traktat über das Glück im Rahmen seines Werkes „Die Enneaden“. Dort sagt er, wenn zwei Menschen vorgestellt werden, die beide gleichermaßen tugendhaft sind. Beide sind gleichermaßen gerecht, gleichermaßen ehrlich und wahrhaftig. Und der eine von ihnen hat eine Familie, mit gesunden Kinder und eine Frau. Es geht ihm gut, er ist reich, er leidet nicht an seinem Leib. Der andere hingegen ist durch Krankheiten gequält, wird von anderen Dingen gequält, er verliert seine Frau und seine Kinder usw. Und wenn man fragt, wer von den beiden glücklicher ist, dann müsste man sagen, beide sind gleich glücklich, weil sie die gleiche Tugend besitzen. Hier also bringt Plotin, auch wenn man dieser Meinung nicht zustimmen wird und so ohne weiteres nicht zustimmen kann, zum Ausdruck, dass die höchste Quelle des Glücks nur im Sittlichen liegen kann. Somit ist einer, der eine höhere sittliche Vollkommenheit besitzt und mehr leidet, immer noch objektiv glücklicher als der andere, der eine geringere sittliche Vollkommenheit besitzt. Diese Einsicht möchte ich hier nicht in Frage stellen. Dennoch spielt Frau, Kind und Lust eine wichtige Rolle als ein Teil des gesamten Glücks. In dieser Stelle meint offenbar Plotin mit dem Glück kein Gefühl des Glücks, sondern das, was man als ein objektives Wohlsein, ein Wohlbestelltsein mit der eigenen Person bezeichnen kann. Also ein Gut für die Person , das nicht unbedingt ihrem Erleben entspricht, das nicht unbedingt Erlebnis zugewandt ist. Gewissermaßen ein Gutsein mit der Person, das nicht davon abhängt, ob wir dieses Glück auch als Gefühl des Glücks erfahren oder erleben.

Das erlebte, das gefühlte Glück

Demgegenüber können wir ein anderes Glück stellen. Ein Glück, das wir erleben, das wir erfahren, das diese tiefe Freudigkeit der Person begründet oder zumindest diesen tiefen Frieden, der im innersten Kern der Person angesiedelt sein muss und dies ist ein Gefühl. In dem Sinn können wir sagen, dass das Glück in seiner vollen Wirklichkeit ohne Fühlen nicht möglich ist, das deshalb schon allein die Auffassung, dass die Gefühle uns nur mit den Tieren verbinden und die geistige Person nur aus Intellekt und Willen besteht falsch ist.

Nein, das Fühlen, wie sich gerade in der Erfahrung des Glücks zeigt, spielt eine unersetzliche Rolle. Ein nur gedachtes oder nur gewolltes Glück wäre überhaupt kein Glück. Also das Glück ist wesentlich, auch ein Gefühl, des Glücks. Vielleicht sollten wir sagen, dass idealiter dieses objektive Glück, dass es mit einem objektiv wohl bestellt ist, dass man in einem Zustand ist, der an sich gesehen gut ist und das gefühlte Glück zusammenkommen müssen, um das volle wirkliche Glück zu erreichen. Denn auch ein noch so intensiv erlebtes Glück, wenn es objektiv mit uns schlecht bestellt ist, wenn wir zum Beispiel moralisch gesehen in einem üblen Zustand leben, religiös gesehen in einen Zustand leben, der außerhalb des Friedens mit Gott ist, so können wir nicht wahrhaftig glücklich genannt werden. Das Glück ist also etwas Tieferes als nur das, was wir erleben. Aber das Erleben und Fühlen des Glücks ist auch ein ganz wesentlicher Bestandteil des Glücks.

In welcher Beziehung stehen Glück und Welt?

Nun kann man eine weitere Frage stellen, die die Beziehungen zwischen Glück und Welt, zwischen Glück und anderen betrifft. Und hier gibt es eine Fülle von Problemen. Und sie haben vielleicht in dieser Richtung selber Fragen.

„Wenn es den Zustand gebe, dass ich mir alle Bedürfnisse erfüllen könnte, wär ich dann glücklich, auch wenn ich nicht lieben würde, selbst wenn ich geliebt werde, aber selbst nicht liebe, wäre ich glücklich?“[4] Diese Ihre Frage wirft ein ganz wichtiges Problem auf, nämlich das Verhältnis zwischen Glück und Welt, zwischen Glück und Liebe, zwischen Glück und Wohlwollen. Wir können sagen, dass das Glück, wenn es rein immanent, also rein aus dem Innern der Person als Erfüllung, als Selbstverwirklichung aufgefasst wird, wie z.B. bei Aristoteles, nicht wirklich verstanden wird. Auch wird unter solchen Voraussetzungen die Person nicht wirklich verstanden. Denn unser Glück ist nicht einfach ein Privatglück, ein Zustand des Wohlseins mit mir, ganz gleich, was in der Welt passiert.

Man könnte das komisch zum Ausdruck bringen mit Johann Nestroy, der sagt, dass er daran zweifelt, in „Kampl“, das die Jenseitigen, an uns Diesseitige herüberdenken. Denn wie könnte ein Hausherr glücklich sein, wenn er sehe, wie seine liederlichen Söhne einen Satz nach dem anderen, auf sein durch Schweiß und Fleiß erbautes Haus machen? Wie könnte ein Graukopf, selig sein, wenn er sehen müsste es eine Witwe die Trauer Kleider nur als Liebes Netze verwendet? Wie könnt ein Goethe, ein Schiller selig sein, wenn sie sehen müssten, wie der „Don Karlos“ in Feistritz und der Faust in Brünn aufgeführte wird. Dann sagt er, dass es eine gute Idee der Römer und Griechen war, dass sie den Lethe, den Fluss des Vergessens, als Bedingung der Seligkeit angenommen haben, weil niemand selig sein kann, wenn er sieht, was in der Welt vor sich geht.

Wie können wir in einer Welt voll von Ungerechtigkeit glücklich sein?

Das ist in komischerweise gewendet, ein sehr tiefes Problem. Wie können wir glücklich sein, wenn andere leiden? Wir können wir glücklich sein in einer Welt, die voll von Ungerechtigkeit und Übel ist? Und hier sehen wir, dass letzten Endes das Glück eine Beziehung zum Gutsein des Ganzen voraussetzt. In dem Sinn ist auch das letzte Glück nur dann möglich, wenn an der höchsten Stelle des Universums das Gute Macht hat, wenn das Sein und das Gute zusammenfallen , wenn es mit anderen Worten Gott gibt. Nietzsche schildert in bewegenden Worten die Folgen des Todes Gottes für das menschliche Bewusstsein. Wenn Gott tot ist, dann ist ein letzter Friede, ein letztes Glück unmöglich. Für den Atheisten ist also ein letzter Friede und ein letztes Glück unmöglich, da er sich gleichsam abgeschnitten hat von dieser letzten Quelle des Glücks und des Friedens.

So können wir sagen, wenn es keinen Gott gibt, und wenn dieser Gott nicht wirklich Ordnung in der Welt schafft, kann es kein echtes Glück geben. Ivan Karamasow schildert in Dostojewskis „Die Brüdern Karamasow“ dieses dramatische Problem in gewaltigen Worten. Er sagt, dass er sein Eintrittsticket in den Himmel zurückgeben würde, solange es keine zufriedenstellende Antwort auf das sinnlose, ungerechte und unverdiente Leid von unschuldig gequälten Kindern gibt. Dieser Gedanke besagt, dass nur wenn eine Art Weltharmonie eintritt, nur wenn alles letzten Endes im Angesicht des Guten, des Gerechten, des Wahren bestand hat, nur dann, wenn es gerechtfertigt ist, nur dann ist das Glück möglich. Wirkliches Glück ist also der Art, dass es den letzten metaphysischen Sieg des Guten notwendig zur Voraussetzung hat.

Zum Verhältnis von Liebe und Glück

Abschließend möchte ich noch auf ein paar Gedanken zum Verhältnis von Liebe und Glück eingehen. Man könnte sagen, wahrhaftig nur in der Liebe ist volles Glück möglich, sei es in der Liebe zu einem anderen Menschen, sei es in der Liebe zu Gott. Denn in der Liebe, in der wir den unersetzlichen und einzigartigen Wert einer Person erfassen, in der wir mit unserem Herzen unseren Wollen eine Hingabe an den Anderen um seiner selbst willen vollziehen, in dem ein Moment der Selbstschenkung und des Uns-selber-an-den-Anderen-Hinbebens und Ihm-Wohlwollens liegt, nur darin ist echtes Glück möglich.

Die Liebe ist das letzte Maß des Glückes

Anselm von Canterbury in seiner großartigen Schau der ewigen Seligkeit am Ende des Werkes „Proslogion“ sagt, dass in der ewigen Seligkeit die Menschen und die Engel nur in dem Maße selig sein können, indem sie lieben. Die Liebe ist also das letzte Maß des Glückes. Somit kann man sagen, dass nicht nur das Lieben-Können, nicht nur die der Liebe zugrunde liegende Entdeckung der Kostbarkeit einer Person ist für das wahre Glück notwendig, sondern auch das Geliebt-Werden durch eine andere Person und auch die Gemeinschaft, die nur durch die Gegenseitigkeit der Liebe möglich ist. All das ist nötig, um ein wahres und volles und letztes Glück zu erfahren.

Endnoten
[1] Shakespeare, William, and Frank Günther. 2010. Othello: zweisprachige Ausgabe. München: Dtv, Kap. 1.
[2] Der Formalismus in der Ethik u. die materiale Wertethik (1913/6). Kapitel: 8. Ges. Werke, S. SGWII:344f.
[3] Fragt eine Sprecherin von Eternal Word Television Network (EWTN).
[4] Fragt ein Sprecher von EWTN.

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Ein sehr schöner Artikel, der Aspekte thematisiert, die sonst wenig Beachtung finden. Die Frage, ob etwas ein subjektives oder objektives Glück ist, würde ich in der Weise beantworten, dass beides zusammenhängt. Von einem rein subjektiven Glück kann man sprechen, wenn man damit sagen will, dass „etwas“ vor allem für die betreffende Person eine Bedeutung hat. In anderer Betrachtung muss auch das als subjektiv bezeichnete Glück einen Bezugspunkt, einen Gegenstand haben, der sich selbst wiederum als objektiv erweist. „… ein Schmerz, den er nicht verhindern kann“ - auch darin zeigt sich die objektive Dimension. Eine menschliche Liebe hat ihre Quelle in der übernatürlichen. Jede wahre Liebe ist transzendent, ganz besonders im Verhältnis zwischen Mann und Frau.

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In der Diskussion über objektives und subjektives Glück, scheinen mir die Unterscheidungen Hildebrands zwischen dem rein subjektiv Befriedigenden, dem objektiven Gut für die Person und den in sich selbst bedeutsamen Werten wichtig zu sein (unter meinem Kommentar habe ich zwei Zitate aus einer Buchbesprechung von R. Egenter über Hildebrands Christliche Ethik angehängt).

Die Begriffe „subjektiv“ und „objektiv“ sind mehrdeutig. Hierauf geht Hildebrand, wie ich glaube, auch in seinem Buch Was ist Philosophie ein. In einem ersten Sinn kann man alles was das Subjekt betrifft als „subjektiv“ bezeichnen. Dieser Subjektivitätsbegriff, ist aber so weit gefasst, dass er fast unbrauchbar ist, da unter ihn vieles, was als „objektiv“ bezeichnet werden könnte, da es subjektunabhängig ist, wie z.B. das In-sich-selbst-Bedeutsame, subsumiert werden könnte… Das menschliche Wahrnehmen von Farbe ist hingegen subjektiv, deswegen ist aber die Farbe nicht etwas rein Subjektives…

Wenn wir uns vorstellen, dass in unsere Welt, außer der menschlichen Person, nur das rein subjektiv Befriedigende existieren würde, wie könnten wir dann objektives Glück finden, selbst wenn wir es suchen würden? Wenn Sie ein begabter Pianist sind, ist für Sie das Klavierspielen ein objketives Gut für die Person. Dies gilt für Sie, aber nicht für mich, da ich diese Begabung leider nicht besitze…
Bei den objektiven Werten, die von uns eine affektive Antwort „fordern“, kann es aber kein Für-Sie, aber Nicht-für-Mich geben.
Die objektiven Werte verweisen auf Etwas, das über uns hinaus geht. Dieses Etwas heißt Gott.

Hier hänge ich die beiden Zitate aus der Buchbesprechung an:
Richard Egenter schreibt in seiner, in der Münchener Theologischen Zeitschrift erschienen Buchbesprechung über Dietrich von Hildebrands »Christliche Ethik«:

„Im I. Hauptteil beschäftigt sich Hildebrand mit den Werten im allgemeinen, die zusammen mit dem nur subjektiv Befriedigenden und dem »objektiven Gut für die Person« unter die Kategorie des Bedeutsamen fallen, das eine affektive Antwort fordert. Ohne das in sich Bedeutsame, den Wert, wäre unser Leben sinnlos.
In einem zweiten Abschnittverteidigt Hildebrand die Realität der Werte gegen allen Wertrelativismus, besonders der französischen soziologischen Schule und Ayers »emotive theory«. Nicht das macht etwas zum Wert, daß es geeignet ist, einen appetitus zu befriedigen, sondern nur das Wertvolle ist begehrenswert. Der Wert ist etwas so Fundamentales wie das Sein und kann nur durch eine originäre Intuition erfaßt werden.“

Über die sittlichen Werte schreibt Egenter, Hildebrand zusammenfassend:

„Zunächst wird das Spezifische des sittlichen Wertes herausgehoben. Er setzt personales Verhalten voraus, ist gewissensrelevant, hat den Primat unter den objektiven Gütern für die Person inne und setzt in seiner wesens- notwendigen Beziehung zu Lohn und Strafe eine absolute Person voraus. Bei der anschließenden Besprechung des Verhältnisses von Sittlichkeit und Vernünftigkeit betont unser Autor, daß die immanente Logik der (geschaffenen) Dinge noch keine Sittlichkeit begründet. Das gilt auch von der neutral gesehenen menschlichen Natur. Der Begriff des sittlichen Wertes ist nach Hildebrand für unser Erkennen das principium und das secundum naturam-Sein ist das principiatum. Das besagt aber nicht, daß die Ethik auf eine Analyse der menschlichen Natur verzichten dürfe. Erst vom sinnvollen Charakter der freien geistigen Akte her verstehen wir, welche Faktoren es diesen ermöglichen, Träger sittlicher Werte zu werden. Anschließend wird das Wesen der intentionalen Erlebnisse untersucht, von denen nicht so sehr die kognitiven Akte als die affektiven Antworten und unter diesen wieder die Wertantworten behandelt werden. Letztere setzen das Werterfassen und das vom Wert Affiziertwerden voraus. Die Antwort auf einen sittlich bedeutsamen Wert wird selbst zum Träger eines Wertes, eben des sittlichen Wertes. Die sittliche Wertantwort enthält neben der Antwort auf etwas sittlich Bedeutsames immer auch »irgendwie« eine allgemeine Bejahung der sittlichen Gutheit als solcher und damit letztlich Gottes. Der Gesichtspunkt unserer persönlichen Vervollkommnung stellt demgegenüber etwas Sekundäres dar. Nicht die Reflexion auf den sittlichen Wert der eigenen Handlung, sondern die Motivierung durch den sittlich bedeutsamen Objektwert ist entscheidend. - In einem Exkurs gibt Hildebrand sodann eine feinsichtige Phänomenologie des sittlich bewußten und des sittlich unbewußten Menschen.“

Ich finde beide Antworten/Diskussionsbeiträge zu dem Vortrag was ist das Glück sehr gut. Denn sicherlich setzt auch das „subjektive Glück“, wenn es diesen Namen des Glücks verdienen soll, einen objektiven Grund in der Welt und im Menschen, der glücklich ist, voraus. Bextens (Hildebrands) Unterscheidung des bloß subjektiv Befriedigenden vom in sich Wertvollen und dem objektiven Gut für die Person teile ich ganz, aber ich habe mit der Unterscheidung zwischen objektivem und subjektiven Glück primär auf einen anderen Unterschied gemeint, da ich denke, dass nur die Berührung mit etwas in sich Wertvollem oder/und einem objektiv Gut für eine Person die Person wahrhaftig beglücken kann, nicht eine rein subjektive Befriedigung, vor allem nicht wenn sie objektiv gesprochen unwertig ist, wie die Befriedigung, die jemand Neidischer über den Tod seiner Feinde empfindet (die Lust und das legitim subjektiv Befriedigende, vor allem wenn es, wie in der Ehe, innig mit der Wertantwort auf die andere Person und Liebe verbunden ist, kann natürlich auch beglückend und Teil des Gesamtglücks sein).
Meine Unterscheidung zwischen objektivem und subjektivem Glück geht aber eine ganz andere Richtung, nämlich dahin, dass ein Mensch, z.B. ein Märtyrer, der auf Grund seiner Qualen oder weil er bewusstlos geschlagen ist, kein Glück fühlen, aber dennoch objektiv glücklich oder selig genannt werden, weil die guten Taten, die er vollbracht hat und die Tugenden die er besitzt, in dem Moment, in dem sie belohnt werden oder er ihrer bewusst wird, eine Quelle des erlebten Glücks sein werden. Ähnliches gilt, wenn ein Liebender noch nicht von der Gegenliebe seiner Geliebten weiß; da kann er glücklich genannt werden, rein objektiv (subjektiv leidet er vielleicht Qualen, weil er seine Liebe für unerwidert hält. in solcher Mensch ahnt noch nichts von seinem Glück, das er aber in dem Moment, in dem ihm sein Freund diese Liebe mitteilt oder die geliebte Person sie ihm gegenüber verlautbart, wird er sein Glück erleben als ein tiefes, affektives Erlebnis der Freude. Anstatt den leicht irreführenden Ausdruck subjektives Glück zu gebrauchen, hätte ich vielleicht sagen sollen „erlebtes“ oder „erlebbares“ Glück gegenüber einer objektiv beglückenden Wirklichkeit und einem objektiven Glück und einem erlebten Glück. Hildebrands Unterscheidung in seinem Kapitel über das objektive Gut in seiner ETHIK und anderen Werken zwischen „erlebniszugewandten“ und nicht „erlebniszugewandten“ objektiven Gütern für die Person geht wohl in eine ähnliche Richtung, aber man könnte hier noch vieles unterscheiden:
Z. B. sind die eigenen Tugenden nicht erlebniszugewandte Glücksquellen für die Person, die sie besitzt, sondern vielmehr jene, die wir in anderen Personen bemerken. Denn es wäre seltsam zu sagen: Ich bin so tief beglückt über den Besitz so vieler Tugenden, aber dennoch wird der Mensch, der Tugenden besitzt und gute Werke vollbringt, doch unter normalen Umständen ein Glück und einen inneren Seelen- und Gewissensfrieden empfinden. Aber es gibt auch Umstände, unter denen dieses affektiv gefühlte Glück, das normalerweise aus dem Guten in einer Person quillt, nicht empfunden werden kann: nämlich etwa im schon erwähnten Fall des Märtyrers, der so schreckliche Qualen erduldet, dass er sozusagen nichts anderes fühlen kann.
Auch kann ein Mensch, der von einem anderen Menschen tief geliebt wird, sozusagen objektiv glücklich zu preisen sein, auch wenn er, weil er von dieser Liebe und der Erwiderung der eigenen Liebe noch nichts weiss, dieses Glück (noch) nicht fühlt.